Man traf sich am Busbahnhof "Charles Helou". Eine Horde Franzosen, 2 Libanesen, Nino und ich. Von den Franzosen trifft man hier ganz schön viele an, die haben irgendwie weniger Angst vor dem Libanon als wir Schweizer. Wohl auch weil fast jeder Libanese irgendwann in Frankreich studiert hat/haben wird, Familie dort hat. Die französische Mandatszeit über den Libanon hat bis heute noch seine Spuren hinterlassen.
2000 Libanesische Pfund bezahlt man für die 2stündige Fahrt von Beirut nach Tripoli, umgerechnet 1.50 CHF. Man kannte sich noch nicht und beschnupperte sich mal, tauschte Studiengänge und bisherige "libanesische Erfahrungen" aus, fragte sich Gegenseitig nach dem Grund wieso man denn hier sei - üblicher Reise-Smalltalk halt. Dann drastischer Themawechsel. Es ging es plötzlich um Flüchtlinge, um Muslime die zu viele Kinder kriegen, um Libanesen die Front National wählen, um Libanesen, die bei der SVP ein Praktikum machen. Es kam zu einer hitzigen Diskussion da gab es 2 Positionen repräsentiert von unseren beiden libanesischen Reiseleitern (nach Tripoli geht man nämlich nicht alleine).
Position 1) Anti-Islam. In etwa: die Muslime würden sich wie die Hasen vermehren und früher oder später so die Weltherrschaft übernehmen. Wir Europäer seien dumm und blind, da wir dies nicht sehen würden. Aber hier im Libanon kennen sie das Problem. Mit ihren 18 Religionsgemeinschaften die nebeneinander existieren und dem 15jährigen Bürgerkrieg erkennen sie dieses Konfliktpotential. Und deshalb würden in Frankreich alle Libanesen Front National wählen, um die Freiheit, die wir Europäer uns so hart erkämpft haben beizubehalten. Das neon-rosarote T-Shirt, dass die junge Verfechterin dieses Standpunktes anhatte, war meiner Meinung nach ähnlich daneben wie ihre Ansichten (Nino bezichtigte sie später des ungewollten Foto-bombings). Aber es war spannend und trotzdem irgendwie bereichernd, denn tatsächlich glaube ich, ihr Standpunkt ist gerade in einem so gespaltenen Land, das sich wohmöglich lediglich bei der Liedwahl von Fairuz einig ist (seit 2.5 Jahren gibt es zum Beispiel keinen Präsidenten), durchaus nicht sehr selten vertreten.
Position 2) Anti-Flüchtlinge. Die Flüchtlinge würden die Tradition zerstören, da sie mit einem anderen kulturellen Hintergrund kämen. Sie würden die Wirtschaft lahmlegen. In der Bekaa-Ebene (Osten des Libanons, an der Grenze zu Syrien) zum Beispiel, stellen die Landbesitzer vorwiegend syrische Flüchtlinge an, weil diese für einen Hungerlohn arbeiten (unter anderem auch der Vater des Verfechters dieser Position) oder verpachten ihr Land an syrische Flüchtlinge, wo dann provisorische (?!) Zeltstädte entstehen. Die Libanesen haben dadurch Probleme eine Arbeit zu finden. Dieses Argument werde ich in den nächsten Tagen noch oft hören, vor allem von Taxifahrern oder "einfacheren" Leuten. Die Syrer sind hier nicht gern gesehen, obwohl sie oft Arbeiten verrichten, für die sich wohl viele Libanesen zu gut wären. Und dann gibt es natürlich noch die ewigen Flüchtlinge, die Palästinenser, die ab 1948 - der Gründung des Staates Israels- geflüchtet sind und seit dem auf ihre Rückkehr warten. Diese leben teilweise seit mehreren Generationen in Flüchtlingslager, haben kein Recht zum Arbeiten, kein Recht zu wählen. Eben auf dem Abstellgleis, bis sie irgendwann zurück können (was natürlich in absehbarer Zeit nicht der Fall sein wird) und nun werden diese Flüchtlingslager zusätzlich von neu geflüchteten Syrern bewohnt.
Ich erkläre ihm, dass meiner Meinung nach Bildung das wichtigste sei und man deshalb Flüchtlinge in die Gesellschaft mittels Möglichkeiten zur Arbeit und Bildung zu integrieren versuchen muss. Gerade in einem Land wie der Schweiz, das viel Geld hat und immerhin einiges versucht in Bildung zu investieren, habe ich das Gefühl, dass es doch gelungen ist einige Flüchtlinge zu integrieren und nicht an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Ausserdem versuche ich ihm zu erklären, dass meiner Meinung nach Immigranten genauso ein Bestandteil unserer Tradition seien und diese für eine Kultur meist sehr bereichernd sein können. Es fällt mir oft schwer zu verstehen, wie gerade im Nahen Osten, wo die Landesgrenzen willkürlich durch europäische Mandatsländer, ohne Rücksicht auf Ethnien und Gemeinschaften gezogen wurden, auf diesen Nationalismus beharrt wird. Irgendwann driftet das Gespräch ins Absurde ab, als darüber diskutiert wird, wie ich mich denn fühlen würde wenn jemand die Schweizerflagge ändern will. Ich stelle mir kurz ein Schäfchenflagge vor und muss grinsen. Beim Thema angekommen erzählt mir der Libanese, dass einige seiner Freunde ein Praktikum bei einer schweizer Partei machen würden. Als er mir dann auf Facebook ein Bild seiner Freunde mit dem Titel "mon stage chez l'UDC"-hashtag Albert Rösti (oder irgendsowas) zeigt, wird es für mich wirklich absurd. Libanesen machen Praktika bei der SVP? Ok. nachdem ich diese zwei Standpunkte sehe, ist dies wohl gar nicht so unwahrscheinlich.
Andererseits kann ich manchmal auch die Frustration der Libanesen verstehen. Für sie wirkt es nur allzu scheinheilig, wenn wiedermal ein übermotivierter Europäer einen kleinen Ausflug hierhin macht und dann meint: "seid doch mal bisschen offener zu den Flüchtlingen". Man kann sich aus unserer Position wohl kaum vorstellen, was es heisst bei einer Bevölkerung von rund 4.5 Millionen einen Anteil von 1.2 Millionen (inoffiziell wohl eher 2 Millionen) Flüchtlinge zu haben.
Aber nun zurück zu dem eigentlichen Ausflug der auf dem Programm stand. Tripoli - zweitgrösste Stadt Libanons. Am Meer gelegen, früher einmal wichtige Hafenstadt, mit einem grossen Souq (Markt) und vielen Überbleibseln aus der Kreuzritterzeit. Oscar Niemeyer, der bekannte brasilianische Architekt, hatte Ende 60er Jahre grosses damit vor und wollte ein internationales Messegelände aufbauen. Doch wie bei so vielen ambitiösen Projekten im Libanon wurden diese durch den Bürgerkrieg verunmöglicht und was nun zurückbleibt ist ein Geistergelände. In Tripoli (auf arabisch Trablus) ist die Auseinandersetzung zwischen den Alawiten (eine Abspaltung der Shiiten und Anhänger Assads) und den Sunniten (eher Saudiarabien zugewandt und auf Seiten der Rebellen oder des IS) besonders aktiv. Bereits während des libanesischen Bürgerkrieg bekämpften sich die beiden Seiten. Der Syrienkrieg goss erneut Öl ins Feuer, das momentan glücklicherweise relativ ruhig ist. Das Ganze spielt sich zwischen zwei Quartieren ab, die durch die "Shar3a ashams", was soviel wie Syrienstrasse bedeutet, getrennt wird. Nachbar A auf der einen Seite liefert sich hier mit Nachbar B auf der gegenüberliegenden Seite in der Vergangenheit heftige Scharmüzel. Wiedermal ein Beweis dafür, was im kleinen Libanon mit seinen 10'500 km2 (4x kleiner als die Schweiz) auf engem Raum aufeinanderprallen kann.
What is he having in his hand? |
Wir steigen im Zentrum aus und werden von einem Kreis arabisch beschrifteter Flaggen (angeblich von Salafisten, eine extremistische sunnitische Gruppierung, mit dem Markenzeichen langer Bart ohne Schnauz und in letzter Zeit zunehmend in Tripoli vorhanden) und einer Horde Armeewagen begrüsst. Wir sind froh, dass wir unsere zwei libanesischen Freunde dabei haben, die sich doch ein wenig auskennen, komisch verschnökelte arabische Buchstaben lesen können, die für mich trotz mittlerweilen akzeptablen Lesekenntnisse teilweise unentzifferbar sind und uns beruhigen. Sie lotsen uns in Richtung Souq und im Eiltempo durchqueren wir ihn. Die Libanesen voraus, die Europäer zotteln wiederspenstig hinterher. Gerne hätten wir ein wenig in die kleinen Läden geschaut oder das eine oder andere "welcome welcome" setzen lassen. Die Leute im Souq freuen sich, dass wir hier sind. Der Ruf Tripolis ist nicht gerade hilfreich bezüglich Tourismus. Irgendwann kann ich mich druchsetzen und einen Fruchtsaft kaufen. Genau das hat mir gefehlt in Beirut. Die vielen kleinen Stände mit den frischen Fruchtsäften, die wuseligen Märkte, die Schumacher neben den Parfumverkäufer, die gegelten Jungs die überladene Karren durch die engen Gassen stossen und uns einige gebrochene Worte Englisch hinterherrufen, die alten Männer am Backgammon spielen.
Wir ziehen weiter zum Chateau de Tripoli. Von dort hat man hervorragende Aussicht auf Tripoli. Wir sehen die Taubenzüchter auf ihren Dächern. Und unser libanesischer Führer, zeigt uns die besagten Kampfesviertel aus sicherer Ferne. Danach gehen wir wieder zurück zum Souq zu einem traditionellen Seifenmacher. Ein kleines altes Männchen inmitten des Souqs, dessen Steinwände mit eingeramten Bildern von Zeitungsartikel über ihn und bekannte (schweizer) Persönlichkeiten neben ihm behangen sind. Er erklärt uns wie er die Seife nach traditioneller Art verarbeitet und freut sich über unser Interesse, so als ob er diese Tour zum ersten Mal geben würde. Danach geht's weiter Richtung Meer. Dort sieht es eher wieder reicher aus und man könnte hier gut Fisch essen. Wir essen Mezze (Hummus BabaGanouj halt all die Gründe weshalb wir hier sind). Auf die Bierbestellung eines Franzosen (in Beirut ist das selbstverständlich) schaut der Kellner ihn nur verwirrt an. Hier in Tripoli gibt es kein Bier. Naja, das stimmt nicht so ganz wie wir später dank unseres Couchsurfers erfahren durften.
Finally Juice |
Am Ende spazieren wir dem Meer entlang, ich und der Libanese ganz in eine Diskussion verwickelt. Dabei bemerken wir gar nicht, dass unser tripolitanischer Führer und die andere Libanesin die vorauslaufen wollten, nirgendsmehr zu sehen sind und wir bereits seit einer Stunde unterwegs sind, ohne zu wissen wohin. Wir versuchen sie anzurufen, machen uns Sorgen. Schnaufend erzählt uns der Tripolitaner am Telefon, dass sie von einem wilden Hund verfolgt werden und nun schon seit geraumer Zeit versuchen ihn loszuwerden. Nach einem weiteren Paradebeispiel für verwirrende Handykommunikation unter Libanesen (dazu ein andermal mehr), die beinahe zu einer waghalsigen (hier wohl eher selbstmörderischen) Überquerung der Autobahn geführt hätte, findet uns unser Couchsurfer dann doch noch und völlig erschöpft denken wir, dass wir uns nun auf einen gemütlichen Abend freuen können. Doch zuerst noch kurz bei einem Freund in einer Bar in Tripoli vorbei. Ja genau, eine Bar. Rein kommt man nur, wenn die Kamera vor der Tür einem erkennt und drin erwartet uns kaltes Bier, Partygejohle, wild gestyltes Publikum (heute ist 70ies Night) und eine ganz andere Seite von Tripoli, die anscheinend doch existiert. Dies ist dann der Start für eine ungeplante Erkundungstour des libanesischen Nachtlebens. Glücklicherweise oder verheerenderweise ist unser Couchsurfer ehemaliger Barkeeper, was uns eine der günstigsten aber auch längsten Nacht verschaffte. Nie hätte ich gedacht, dass so ein Nachtleben im Libanon existiert.
There is no good pictures of nightlifes |
Aber so im Nachhinein wurde mir klar, was für ein bezeichnender Tag dies für den Libanon ist. Am selben Tag kann man in Tripoli im Souq in die konservative, traditionelle arabische Gesellschaft eintauchen und dann abends im Souq von Byblos neben den operierten Nasen und Brüsten mit Almaza-Bier und Arak in die Nacht tanzen.
Zum Schluss frage ich mich, weshalb ausgerechnet die zwei konservativen Libanesen nach Tripoli gehen wollten, in eine Stadt, die Seiten des Libanons präsentiert, welche von beiden teilweise als negativ empfunden werden. Weil es sie fasziniere sagen sie. Die Angst vor dem Fremden ist wohl oft doch nicht so gross, dass sie uns ganz davon fernhalten könnte.
Hier noch zwei gute Links zum Thema Libanon:
1) zeigt gut die verschiedenen Bevölkerungsschichten und persönliche Geschichten
https://youtu.be/nW2qN6pIvh4
2) Doku von Arte, mehr geschichtliche Entwicklung und aktuelle Syrienkrise
https://youtu.be/p2qYOVXWMl4
Yallah bye
Hier noch zwei gute Links zum Thema Libanon:
1) zeigt gut die verschiedenen Bevölkerungsschichten und persönliche Geschichten
https://youtu.be/nW2qN6pIvh4
2) Doku von Arte, mehr geschichtliche Entwicklung und aktuelle Syrienkrise
https://youtu.be/p2qYOVXWMl4
Yallah bye